400 – the image behind

Sie suchten Frieden und fanden den Tod

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| Bosnia/Herzegovina/Serbia Translation from Lana Prerad (PDF)

Mit 16. Februar 2016 fanden nach Angaben von Flüchtlingsorganisationen wie des UNHCR und der IOM bereits 400 Flüchtlinge nur im Jahr 2016 auf der Mittelmeerroute den Tod [1]

Die europäischen Regierungen legen ihrerseits Zahlen vor, um die “Zahl der Flüchtlinge zu begrenzen”, Horst Seehofer Deutschland: 200.000 [2], Asylgipfel Österreich: 37.500 [3], Premierminister Manuel Valls Frankreich: 30.000 [4].

Wir schaffen das” sagt Angela Merkel noch im September 2015 [5], kaum ein halbes Jahr später scheint es, als schafften wir bzw. die Regierungen es am besten, Obergrenzen und Zahlen zu nennen, die den Bürgern die innerhalb der Schengengrenzen leben eine unbestimmte Sicherheit vermitteln sollen.

Statistische Beruhigungspillen, die dazu dienen das Leid der “Fremden” zu verschleiern. Was dabei oft vergessen wird bzw. auf eine sehr zynische Art ausgeblendet wird: Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, Einzelschiksale.

Dabei ist es fragwürdig, ob eine Einführung von Obergrenzen völkerrechtlich überhaupt gedeckt ist. Schließlich haben alle 28 Mitgliedsstaaten der EU das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (Genfer Flüchtlingskonvention) von 1951 sowie das Protokoll von 1967 unterzeichnet [6] [6b].

In Anbetracht dieser Tatsachen stellt sich die Frage, ob der Slogan der sogenannten Willkommens- oder Anerkennungskultur “refugees welcome” nicht eher “justice welcome” lauten sollte.

400 Individuen – Versuch einer Sichtbarmachung

Statistische Zahlenwerte sind emotionslos. Solange die Zahl in ihrer Form als abstrakte Ziffernkombination bestehen bleibt, enthält sie sich jeglicher Bedeutung. In dem Moment, wo die Zahl in ein Bild übersetzt wird, erlangt sie ihren ursprünglichen Inhalt zurück. Auf dem Schaufenster eines Geschäftslokals in der Glockengasse werden 400 weiße Piktogramme – die herkömmlichste und verständlichste Methode um Zahlenwerte zu verbildlichen – in der Form gefallener Menschen vollflächig aufgeklebt um diese Zahl zu visualisieren.

400 individuals refugee tragedy europe

Die Darstellung und Positionierung des Piktogramms nimmt Bezug auf Aylan Kurdi, ein syrisch-kurdisches Flüchtlingskind, das im Alter von 3 Jahren bei einem (alltäglichen) Unglück auf einem Schlepperboot um’s Leben kam und tot am Strand in der Nähe von Bodrum in der Türkei aufgefunden wurde.

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Aylan Kurdi, Foto (c) Nilufer Demir (cropped)

Aylan Kurdi, Foto (c) Nilufer Demir (cropped)

Waren es bisher Bilder von lebenden Menschen die in “unsere” Länder einströmten, denen in populistischer Manier eine bedrohliche Parallel-Bilderwelt über diverse Medien aufkaschiert wurden, war dieses Bild eines der Ersten, das der Berichterstattung für kurze Zeit einen Drall in die entgegengesetzte Richtung verliehen hat. Obgleich mit 2. September 2015 erst geschehen, dominieren längst wieder die bedrohlichen Zahlenspiele, die mit Bildern von Lebenden illustriert werden. Genau ein halbes Jahr später äussert sich der Konzeptkünstler Ai Weiwei mit einem fotografischen Zitat, indem er in Griechenland, dem ursprünglichen Zielland von Aylan Kurdi, das Foto von damals mit seinem eigenen Körper am Strand liegend nachstellt.

Ai Weiwei - I'm Aylan Kurdi (cropped)

Ai Weiwei – I’m Aylan Kurdi (cropped)

Es gehen Debatten durch die Medien [7], ob ein aufrüttelndes Bild eines toten Kindes gezeigt werden darf, um gleich darauf wieder Bilder von Lebenden zu benutzen, um bedrohliche, flüchtlingsfeindliche Szenarien zu entwerfen.

Es scheint also nur logisch, in einer repräsentativen Form die Bilder aller Toten zumindest so lange in der öffentlichen Wahrnehmung präsent zu halten, bis dieses Sterben endlich ein Ende gefunden hat. Es ist zu spät in 50 Jahren ein Mahnmal für diese europäische Tragödie zu errichten, wenn sie uns heute schon mehr als bewusst und omnipräsent ist.

/400

Neben der  Beklebungsaktion fand am 26.06.2016 eine performative Aktion statt. Die unfassbare Zahl soll durch die Anwesenheit realer Personen in einer öffentlichen Straße fühlbar werden. Dem Aufruf folgten fast 200 TeilnehmerInnen, die nach Choreografie-Anweisungen in 32 Reihen mit jeweils 6 Personen Aufstellung bezogen.

400 - the image behind Performance pictures

400 - the image behind film still faces performance

Diese Versammlung wurde filmisch und fotografisch dokumentiert. (Schnitt und Veröffentlichung voraussichtlich im September 2016)

Eine Dokumentation über das Sein oder nicht Sein bzw. gewesen Sein.

Eine Dokumentation über jeden einzelnen Versuch eines gescheiterten Ankommens in einer vermeintlich friedlichen Gesellschaft die sich jedoch immer weiter “verpegidisiert” [8]. Wie und ob jede/r Einzelne von uns (durch ihre/seine Wahl am Stimmzettel, durch die Art und Weise wie sie/er sich einem “Fremden” gegenüber verhält etc.) mitverantwortlich für diese Einzelschiksale ist (die Massenschiksale geworden sind), sollen die Teilnehmer und die Rezipienten des Bild- und Filmmaterials jeweils selber herausfinden und bewerten.

Performance in Zusammenarbeit mit Lotte Schreiber • Filmemacherin Wien.

Zur Filmwebsite: IF I HAD LAND UNDER MY FEET


Screening 18.11.2016-12.03.2017 Universalmuseum Joanneum Neue Galerie Graz

Screening 03.12.2016 Thishumanworld International Human Rights Film Festival Topkino Wien

Screening 01.11.2016-02.11.2016 Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien


 

Endblatt-justice-welcome-A4


[1] UNHCR Refugees/Migrants Emergency Response – Mediterranean, Quelle abgerufen am 16.02.2016:
http://data.unhcr.org/mediterranean/regional.php

[2] Seehofer will Asyl auf 200.000 Flüchtlinge pro Jahr begrenzen, Quelle abgerufen am 14.02.2016:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-01/asylpolitik-fluechtlinge-obergrenze-horst-seehofer

[3] Asyl: Tägliche Obergrenze startet nächste Woche, Quelle abgerufen am 14.02.2016:
http://derstandard.at/2000030634614/Fluechtlinge-Spielfeld-soll-naechste-Woche-in-Vollbetrieb-gehen

[4] Frankreich setzt Obergrenze für Flüchtlinge, Quelle abgerufen am 14.02.2016:
http://www.swissinfo.ch/ger/frankreich-setzt-obergrenze-fuer-fluechtlinge/41958980

[5] Im Auge des Orkans, Quelle abgerufen am 14.02.2016:
http://www.zeit.de/2015/38/angela-merkel-fluechtlinge-krisenkanzlerin/seite-4

[6] UNHCR Genfer Flüchtlingskonvention, Liste der Vertragsstaaten, Quelle abgerufen am 14.02.2016:
http://www.unhcr.at/fileadmin/rechtsinfos/fluechtlingsrecht/1_international/1_1_voelkerrecht/1_1_1/FR_int_vr_GFK-Liste_Vertragsstaaten.pdf

[6b] Amesty International, Heinz Patzelt, “Österreich bricht Völkerrecht”, Quelle abgerufen am 23.02.2016:
http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/4931538/Fluchtlinge_Osterreich-liess-Aufnahmekultur-ausbrennen

[7] Aylan Kurdi, Kritik an Ai Weiwei. abgerufen am 15.02.2016:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kritik-an-ai-weiwei-fuer-aufnahme-als-toter-fluechtling-aylan-kurdi-14048462.html

[8] Beginnt die Pegidisierung Europas? Quelle abgerufen am 15.02.2016
http://www.taz.de/!5023637/


 Status / Orte


Glockengasse 9

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408 Piktogramme am 24.02.2016

Opfer / Victims 02/2016: 408


Rotensterngasse 8

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343 Piktogramme am 19.04.2016

Opfer / Victims 04/2016: 751


Glockengasse 8a

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438 Piktogramme am 01.05.2016

Opfer / Victims 05/2016: 1189


Leider fehlen noch 72 Pictogramme um die Todesopfer in der tagesaktuellen Zahl zu repräsentieren. Derzeit suchen wir weitere Plätze zum Bekleben in unmittelbarer Umgebung der bisherigen Beklebungsorte. Falls wer ein Fenster zur Verfügung stellen möchte!?

Opfer / Victims 05/2016: 1261


03.05.2016 Es sind schon wieder 100 Todesopfer/Vermisste dazugekommen.

Der Fortschritt der Beklebung kommt den aktuellen Zahlen nicht schnell genug nach – es ist eine grausame “Kunst-Produktion” geworden.

Opfer / Victims 05/2016: 1361


30.05.2016 Update: UNHCR-Schätzungen zufolge mehr als 700 Tote bei 3 Bootskatastrophen im Mittelmeer.

Jedem Abruf der Statistik der UNHCR geht diese Angst vor den gestiegenen Zahlen voraus. Das Projekt scheint zu scheitern, weil einerseits derzeit keine weiteren Flächen zur Beklebung zur Verfügung stehen und andererseits sowohl die psychischen als auch die zeitlichen sowie energetischen Ressourcen knapp sind. Nach bald einem halben Jahr intensiver Auseinandersetzung mit diesem Thema schleicht sich ein Gefühl von Resignation an.

Opfer / Victims 05/2016: 2325


11.06.2016 Alltag: seit Jahresbeginn sind im Durchschnitt jeden Tag 17 Menschen umgekommen!

Opfer / Victims 06/2016: 2856


16.06.2016 Glockengasse 10-12

378 Piktogramme geklebt, es fehlen aktuell noch 1300. Nächste Woche geht es weiter auf Hausnummer 14. Bedauerlicherweise suchen wir noch weitere Flächen in der unmittelbaren Umgebung. Übrigens: Jede/r kann die Vorlagen verwenden und die Beklebungsaktion auf eigene Faust an weiteren Orten durchführen.

400 - the image behind glockengasse 10-12

378 Piktogramme am 16.06.2016 (Musste leider bereits wieder entfernt werden)

Opfer / Victims 06/2016: 2868


17.06.2016 Glockengasse 14

Große Beklebungsaktion an 3 Orten. Und schon wieder nicht aktuell.

400 - the image behind glockengasse 14

480 Piktogramme am 17.06.2016


17.06.2016 Glockengasse 8a

400 - the image behind glockengasse 8a

594 Piktogramme am 17.06.2016 (muss leider Ende September entfernt werden)


17.06.2016 Rotensterngasse 8

Erweiterung der Beklebung vom 19.04.2016

400 - the image behind Rotensterngasse 8

81 Piktogramme am 17.06.2016


Bisher 2.722 Piktogramme geklebt

Opfer / Victims 11/2016: 4699


Der Schengenraum und seine Opfer

Der Schengenraum und seine Opfer

Infografik mit freundlicher Genehmigung von Le Monde diplomatique (Hg.), Atlas der Globalisierung, Die Welt von morgen, Berlin (taz Verlag) 2012 – monde-diplomatique.de.


Selber Sichtbar machen / Lizenz


Die Vorlagen stehen für Beklebungen auf eigene Rechnung und Regie unter dieser Lizenz zApproved for free cultural works (Author: Creative Commons | Source: https://wiki.creativecommons.org/images/b/b7/Approved-for-free-cultural-works.svg)ur freien Verfügung:

Creative Commons Licence
400 – the image behind by TK1968 is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License.

Creative Commons Understanding Free Cultural Works


Vorlagen

Pictogram-Vorlage für Folien mit 61,5cm Breite. Schnittbreite 57cm, Länge 118cm – Vorlage ist um 90° gedreht, bei der Verklebung ergibt sich also eine Breite von 118cm und Höhe von 57cm ohne Rand. Die Maße der ersten Beklebung in der Glockengasse 9 (siehe Foto oben) mit 408 Piktogrammen und etwas Abstand an den Rändern betragen 175cm Breite und 185cm Höhe gesamte Scheibenfläche. Es wurde eine matte weiße Folie verwendet. Symbolisch für die weiße Flagge und praktisch, weil diese Tag und Nacht gut auf Scheiben sichtbar ist.

In der Mitte sollten 2 Reihen a 5 Piktogramme für den Schriftzug “JUSTICE WELCOME” freigelassen werden und in der untersten Reihe rechts 2 oder mehr Piktogramme für die URL auf diese Seite (tk1968.com/400). Zip-Datei mit 2 SVG-Vektorgrafiken in Originalgröße für die Verwendung in gängigen Vektorgrafikanwendungen (frei erhältlich: Inkscape).

400 - the image behind download template

Vorlagen downloaden

Nach Möglichkeit wäre es schön, wenn Orte der Beklebung lediglich mit der Adresse und ohne Angaben von Geschäfts-, Marken- oder Lokalnamen veröffentlicht werden. Auch auf Fotos sollten keine Firmennamen, Werbeschilder etc. sichtbar sein. Gegebenenfalls verpixeln wir das wie am Ort Glockengasse 8a oben ersichtlich.


Fotos von Beklebungen zur Veröffentlichung hier bitte an tk1968plus(at)gmail.com schicken.


English Version

400 – the image behind | They sought peace and found death

According to data from refugee organisations such as UNHCR and IOM, 400 refugees had already died on the Mediterranean route in 2016 until 16 February 2016 [1]. European governments, on their part, submit figures to limit the number of refugees – Horst Seehofer (Germany): 200,000 [2], Asylum Summit Austria: 37,500 [3], former Prime Minister Manuel Valls (France): 30,000 [4]. In September 2015, Angela Merkel claimed “We can do it” [5]. Yet, barely six months later, it seems as if we, or the governments, respectively, are merely achieving to name numbers and upper limits in order to provide the citizens living within the Schengen borders with an undefined sense of security.

Such statistical sedatives are used to blur the suffering of ‘foreigners’. What is often forgotten or obscured in a very cynical way, however: those statistics are about actual individuals who share an adverse fate.

It is questionable whether an introduction of caps would even be covered by international law altogether. After all, each of the 28 EU Member States have signed the Convention Relating to the Status of Refugees (‘1951 Refugee Convention’) and its 1967 Protocol [6] [6b]. Against the backdrop of these facts, the question arises whether the slogan of the welcome or recognition culture titled ‘Refugees Welcome’ should not rather be renamed to ‘Justice Welcome’.

An attempt at visualisation

Statistical figures are devoid of any emotion. As long as the number remains an abstract combination of figures, it divests itself of any purport. Conversely, the moment the number is translated into an image, it regains its original thrust. 400 white pictograms in the shape of those who had died were affixed to the shop window of a premise in Vienna’s second district to visualise those statistics in the most conventional and comprehensible way.

The depiction and positioning of the pictogram refers to Aylan Kurdi, a Syrian-Kurdish refugee child, who had died on a tug boat at the age of 3 in a (commonplace) accident and was later found dead on a beach near Bodrum in Turkey. While, up until then, images of an influx of living people into our countries had been mounted as threatening parallel image worlds via various media in populistic manner, this image was one of the first to spin news reporting in the opposite direction, albeit only for a briefly.

Although this had just happened on 2 September 2015, the menacing numbers game, illustrated with pictures of the living, gained upper hand again shortly thereafter. Exactly half a year later, the conceptual artist Ai Weiwei expresses himself with a photographic quotation by recreating the original photo with his own body lying on the beach in Greece, the country to whose beaches Aylan Kurdi had been washed ashore.

There are ongoing media debates [7] whether the galvanising image of a dead child can be shown, only to then use images of the living shortly thereafter and thus (re-)creating threatening, anti-refugee scenarios.

It hence only seems logical to keep the images of all casualties present in public perception in a representative form – at least, until this dying has finally come to an end. In 50 years, it will have become too late to erect a memorial for this European tragedy that, already today, is omnipresent and of which we are fully aware.

In addition to the visualisation with pictograms, a performative event took place on 26 June 2016. The incomprehensible figures were to be made tangible through the presence of real persons in a public street. Almost 200 participants followed the invitation, and were lined up in 32 rows with 6 people each in a choreographed setting. This ‘living installation’ was documented both with photographs and film – a film about being or not being or having been. A film about every single attempt at a failed arrival in a supposedly peaceful society.